Erste Umsetzung der Erziehungsziele und pädagogische Grundprinzipien in Kindergarten und Spielgruppe
Die pädagogische Aufgabe besteht nach dem vorher Beschriebenen also darin, aus der von Steiner beschriebenen Entwicklungsdynamik der menschlichen Wesensbereiche nur auf jene einzuwirken, die einer Erziehung zugänglich sind. Ansonsten gilt es diese Bereiche vor Verfrühungen zu schützen, was gerade in unserer Zeit eine große Aufgabe ist. Der Vergleich mit den Pflanzen ist einleuchtend: eine Blume wächst nicht schneller, wenn man daran zieht. So ergeben sich unterschiedliche Erziehungsaufgaben in den einzelnen Lebensabschnitten, welche sich ungefähr nach Jahrsiebten bemessen. Der Kindergarten und die Spielgruppe versteht seine Tätigkeit also eingebettet in eine Gesamterziehung, in der er die ersten 6 bis 7 Lebensjahre umschließt.
Grundthema dieses ersten Lebensjahrsiebtes ist ein gesunder Aufbau des Körpers. Da beim Kind mit der Geburt seine Organe ja noch nicht vollständig ausgebildet sind, sondern diese sich noch ausdifferenzieren und wachsen, ist das Kind in der Hauptsache mit dieser Aufgabe beschäftigt. Es will seinen Leib immer mehr ergreifen, beherrschen und handhaben. Im ersten Lebensjahr findet sich das Kind mit dem Erlernen des aufrechten Ganges immer mehr in die inneren und äußeren Raumverhältnisse hinein. Mit dem Spracherwerb im zweiten Jahr werden die Sprachorgane ausgebildet und geformt, denn noch sind diese offen und formbar, um alle Sprachen der Welt zu erlernen. So lernt z.Bsp. ein einjähriges, deutsches Kind, ohne Probleme und Akzent Japanisch oder Russisch, wenn es in einer Familie aufwächst, welche diese Sprache spricht. Lernen wir Erwachsene hingegen eine neue Sprache, so sind unsere Sprechwerkzeuge nicht mehr so formbar, dass wir alle Laute der neuen Sprache akzentfrei aussprechen können. In dem das Kind Sprache hört und somit Sprechen lernt, wird durch die der Sprache innewohnende Gesetzmäßigkeit die Möglichkeit des ersten Denkens geschaffen, welches im dritten Jahr immer mehr zum Ausdruck kommt. Die eigentliche Kindergartenreife erlangt das Kind dann mit ca. drei Jahren, wenn es alleine zu anderen Kindern drängt und so einen weiteren Schritt hin zu seiner Selbständigkeit tut. Mit dem Zahnwechsel im sechsten Lebensjahr ist der eigentliche Leibesaufbau abgeschlossen; was jetzt noch folgt sind hinsichtlich der körperlichen Entwicklung im Wesentlichen noch Wachstumsschübe und in der Pubertät die Ausreifung der Geschlechtsorgane.
Das Kind lebt in den ersten Jahren noch ganz in Einheit mit der Welt, das ist noch vor der Subjekt-Objekt Spaltung. Das heißt nichts anderes, als dass sämtliche Einflüsse aus der Umgebung unmittelbar und ohne Filterung in das Kind bis in seine Organbildung hineinwirken. Man mache sich die Konsequenz dieser Aussage klar: In Schrecksituationen, oder wenn uns etwas „auf den Magen schlägt“, erleben wir noch in besonderen Situationen das, was beim kleinen Kind eigentlich der Normalzustand ist. Deshalb wird in der Waldorfpädagogik viel Wert auf gesunde, dem Körper wohltuende Sinneseindrücke für das kleine Kind gelegt. So achtet man zum Beispiel auf eine gesunde, vollwertige Ernährung, auf harmonische Farb- und Raumgestaltung, auf einen rhythmisch aufgebauten Tagesablauf , auf wärmende Kleidung, auf eine achtsame Pflege und auf Bewegungsspiele, Lieder und Fingerspiele, welche dem Bedürfnis des kleinen Kindes nach liebevoller Berührung und Wiederholung entsprechen. Gerade weil das Kind ganz in und mit der Umwelt lebt, eigentlich noch nicht bei sich so richtig angekommen ist, ahmt es nach. Damit ist ein nächstes pädagogisches Grundprinzip gekennzeichnet: Das Kind lernt über die Nachahmung und fordert damit die Vorbildfunktion des Erziehers bis in seine Gestik und Haltung hinein. Weniger was dieser spricht, sondern was er tut wirkt bei den Kindern. Hier ist der Weg zur Selbsterziehung gewiesen, die wie schon erwähnt, in der Ausbildung zur Waldorferzieherin mit Bestandteil ist.
Das Spiel des Kindes ist seine wichtigste Tätigkeit. Was für den Erwachsenen die Arbeit, ist für das Kind das Spiel. Dieses zweckfreie und liebevolle Hingegeben sein an die Welt ist die Grundgeste der Freiheit. So wie das Kind heute spielt, wird es morgen arbeiten. Der Kindergarten berücksichtigt dies, indem er genug Zeit und Räume schafft, damit sich diese Tätigkeit ungestört entfalten kann. Während die Erwachsenen in der Freispielzeit sich einer sinnvollen Beschäftigung widmen ( Frühstück zubereiten, kochen, handarbeiten, Spielsachen reparieren, basteln, werkeln, putzen..) können die Kinder in dieses Schaffen mit einsteigen oder werden dadurch angeregt in ein eigenes freies Schaffen, in ihr Spiel zu kommen. Auch der Gruppenraum ist so gestaltet, dass das Kind ein kleines Abbild der Welt in den verschiedenen Spielecken vorfindet (Bauecke, Kaufladen, Puppenecke, Werkbank…).
Die Grundgebärde des Naturgeschehens, aber auch des menschlichen Lebens, ist der Rhythmus. Das Leben des Kindes in einen solchen Rhythmus hineinzuführen vermittelt nicht nur Sicherheit, sondern stellt somit auch eine wesentliche, kraftspendende Hilfe für das Wachstum und die gesunde Entwicklung in der Kindheit dar. Ein großes Geheimnis des Rhythmus ist die Tatsache, dass er Kraft spart, Kraft die der körperlichen Entwicklung des Kindes zu Gute kommt. Das bewusste Erleben der Rhythmen, angefangen vom Tages über den Wochenrhythmus bis hin zum Jahreskreislauf gibt dem Kind die Sicherheit und Geborgenheit sich in unserer Welt zurecht zu finden und sich wohlfühlen zu können. Nicht das ständig Neue, das immer erstmal als Fremdes Verunsicherung und Unruhe bedingt, sondern die Vorfreude auf das schon einmal Erlebte und Bekannte stärkt die Lebenskraft der Kinder.
Damit haben wir die wesentlichen pädagogischen Elemente des Waldorfkindergartens gekennzeichnet: Vorbild und Nachahmung; Sinnespflege; das freie Spiel des Kindes und der Rhythmus.
Diese Elemente werden nun in jedem Waldorfkindergarten in der ihm eigenen angemessenen Form aufgegriffen. Die konkrete Umsetzung dieser Elemente hängt von den jeweilig tätigen Erziehern und der konkreten Situation des Kindergartens ab, die durch die räumliche Lage, seine finanzielle Situation, und die Einbettung in die gesellschaftlichen Verhältnisse (Staat; Stadt; Gemeinde) gegeben sind. Das konkrete Erscheinungsbild eines Waldorfkindergartens kann also durchaus vielfältig sein, je nachdem wie die Pädagogen diese Erziehungselemente für sich ergreifen, gewichten und umsetzen. Dies entspricht aber auch dem inneren Ziel der Waldorfpädagogik, in der es nicht darum geht kochbuchartig bestimmte Konzepte umzusetzen, sondern eben auch in der eigenen Freiheitsentwicklung der Erzieher die Inhalte zu ergreifen und die Pädagogik daraus zu gestalten und zu formen.
Auf den Seiten unseres Internetauftritts zeigen wir, wie diese Pädagogik im Waldorfkindergarten Christophorus in Lahr im Kindergarten, in der Spielgruppe, und im Spielstübchen derzeit umgesetzt werden. Bezugnehmend auf die Überschrift dieses Artikels, können wir von einer zweiten Umsetzung der Pädagogik in die alltägliche Praxis sprechen.
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