Ein Gang durch die Kindergartenzeit
Drei Jahre durchlebt das Kind in ganz unterschiedlicher Weise die Kindergartenzeit. Kommt es als Dreijähriges zu uns in die Gruppe, so gilt es erst einmal mit dem Tagesablauf, den Gruppenregeln, den vielen Kindern und den Pädagogen vertraut zu werden. Als so genanntes „Schäfchen“ werden die Jüngsten von unseren Großen in die Gruppe aufgenommen und erhalten von Letzteren Hilfestellung z.Bsp. beim An- und Ausziehen in der Garderobe, im Platz finden beim Morgenkreis oder beim Aufräumen. Zum ersten Mal erleben die Kleinen unsere Kreisspiele, Reigen und das Vorbereiten und Feiern der ganz unterschiedlichen Jahresfeste. Oft gehen sie beim nächtlichen Laternenumzug aufs offene Feld noch an der Hand der Eltern, spielen beim Weihnachtsspiel eine kleine Rolle als Schaf, Ochs oder Eselchen und beim Faschingsfest wollen sie noch gar nicht in eine feste Rolle (Verkleidung) schlüpfen, weil sie diese noch nicht durch den ganzen Vormittag ausfüllen können. Gerne halten Sie sich in der Nähe einer Erzieherin auf und gerade morgens beim Abschiednehmen brauchen Sie noch deren Zuwendung und Trost.
Ganz anders zeigt sich das Kind in seinem zweiten Kindergartenjahr, es ist nun kein Schäfchen mehr, sondern ein „Zwerg“. Jetzt sind die Kinder gut angekommen, kennen sich schon untereinander, haben ihre vertrauten Spielkameraden und freuen sich auf die nun schon bekannten Reigen und Feste und gestalten diese aktiv mit. Gerade in diesem Alter kommt das Urtypische eines gesunden Kindergartenkindes jeden Tag zum Ausdruck. Denn nun wird gespielt, gespielt und nochmal gespielt! Dabei wird das Kind getragen von seinen Fantasiekräften, mit diesen kann es alles verwandeln und verzaubern. Der Holzklotz wird zum Handy, der umgedrehte Tisch zum Feuerwehrauto. Was das Kind nun benötigt ist: andere Kinder, genügend Zeit und eine vertraute Umgebung mit Spielsachen, welche ihm kein Spiel aufdrängen, sondern offen und wandelbar sind.
In diesem mittleren Kindergartenjahr werden die Kinder im Rahmen der so genannten ESU (Einschulungsuntersuchung) von den Pädagogen, einer Ärztin/einem Arzt und den Eltern intensiv in ihrer Entwickelung wahrgenommen und bei Bedarf in bestimmten Bereichen besonders gefördert. Die ESU Untersuchungen werden in unserer Einrichtung in Zusammenarbeit mit der Kindergartenärztin abgeschlossen. Die ESU findet in dieser Altersstufe statt, um den Kindern die Förderbedarf haben rechtzeitig die notwendigen Hilfestellungen zu geben.
Im letzten Kindergartenjahr findet für die nun zu Hirten gereiften Kinder die Kooperation mit der Grundschule statt. Kinder, die in der Waldorfschule angemeldet sind werden von den Kooperationslehrern in die Schule eingeladen. Vor Ort lernen die Lehrer das Kind durch geeignete Spiele kennen und machen sich einen ganzheitlichen Blick auf die Schulreife. Die Waldorfschule knüpft an die bei uns entwickelten Fähigkeiten an und begleitet die Kinder bei ihrer weiteren Entwicklung. Wir wünschen es jedem Kind, dass es in die Waldorfschule gehen kann.
Beim Abschiedsfest unserer Großen erhält jedes werdende Schulkind eine goldene Krone. Dieses soll versinnbildlichen, dass sie sich nun ein Land erobert haben und dort König bzw. Königin geworden sind. Es ist das Land ihres Körpers, nach und nach haben sie in diesen sechs Lebensjahren gelernt zu laufen, zu sprechen, mit anderen sich auszutauschen, still zu sitzen aber auch zu balancieren klettern hüpfen, rennen ja sogar Seilhüpfen und Stelzen laufen. Sie können nun Bälle werfen und fangen, freihändig eine Treppe hoch und runter steigen, Schuhe binden und Butterbrote schmieren. Auch wird gerade im letzten Jahr in unseren Kindergartengruppe viel gesägt, genäht, gefilzt, gewebt und geschnippelt. Gerade unsere Großen werden regelmäßig in die tägliche Hausarbeit miteinbezogen. Da muss gefegt, Tische abgeräumt und sauber gemacht werden, die Schüsseln müssen gewaschen, abgetrocknet und eingeräumt werden und auch der Stuhlkreis für die Abschlussgeschichte muss vorbereitet sein. Bei all diesen aufgezählten, vielseitigen Tätigkeiten ist man nie allein. Man schafft und lernt miteinander, dabei muss man sich absprechen, einander zuhören, aufeinander warten und Rücksicht nehmen. So werden gerade im letzten Jahr nicht nur fein- und grobmotorische Fähigkeiten gelernt und geschult, sondern genauso das soziale Miteinander in einer Gruppe gepflegt. Jetzt fiebern die Kinder den unterschiedlichen Reigen und Festen entgegen, wollen die großen Rollen zum Beispiel im Weihnachtsspiel besetzen und beim Johannifest springen sie mutig alleine über das Feuer. Auch hier schulen sich die Kinder im Warten können bis man an der Reihe ist, sie müssen auch mal in Kauf nehmen, dass heute die beste Freundin die geliebte Rolle als Engel bekommt oder dass der Platz neben dem besten Freund schon besetzt ist. Das sind alles wichtige soziale Fähigkeiten, worin sich die Kinder in einem vertrauten und familienähnlichen Zusammenleben üben können, um dann gestärkt und mit Selbstvertrauen in die Schule zu gehen. So umschließt die Schulreife eine körperliche, seelische und kognitive Reife des Kindes.
Wir Pädagogen im Kindergarten bemühen uns jeden Tag dem Kind durch die Gestaltung der Umgebung, des Tagesablaufs, der Reigen und Jahresfeste ihm einen Raum zu schaffen, indem es in diesen drei beschriebenen Jahren autonom zum gesunden und reifen Schulanfänger heranwachsen kann.
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