Ein Gang durch das Jahr
Die Kinder erleben die Vorgänge in der Natur im Wechsel der Jahreszeiten bewusst und unbewusst mit. Dies kann auch für den Erwachsenen eine Hilfe bedeuten, neu und aufmerksamer die Naturvorgänge zu betrachten und zu erleben und einen neuen Zugang zu den Jahresfesten zu finden. In dem Feiern der Jahresfeste finden die Kinder eine Resonanz zu ihrer natürlichen Religiosität. Das Feiern der Jahresfeste kann in jeder Familie eine eigene Tradition und Verbundenheit schaffen, die oft ein Leben lang trägt. Mit jeder Jahreszeit wird ein bestimmter Erzählstoff, spezielle Märchen und Geschichten verbunden. Lieblingslieder oder spezielle Festtagsessen können in den späteren Jahren noch einmal die Kindheitserinnerungen wach werden lassen. Die Feste sind eine Gelegenheit, den Menschen in seiner Dreiheit (Körper, Seele und Geist) anzusprechen.
Der Jahresrhythmus im Waldorfkindergarten lebt hauptsächlich in der Gestaltung der Reigen, Geschichten und des Jahreszeitentisches und im Feiern der Feste im Jahreskreislauf. Es gehört zu den schönsten Erlebnissen der Menschen, wenn sie sich zusammenfinden, um gemeinsam ein Fest zu feiern. Die Bilder, die wir den Kindern in diesen Festen mitgeben, können zu einem unermesslichen Seelenreichtum werden.
Jeder Waldorfkindergarten ist christlich geprägt, aber nicht konfessionell gebunden. In anderen Ländern und Kulturen werden Impulse der Waldorfpädagogik gemäß der dortigen Kultur umgesetzt. Das christliche Element lebt dort in der Akzeptanz und Wertschätzung der anderen Religion und Kultur. Jedes Land und jede Kultur findet ihren eigenen Weg die Waldorfpädagogik mit ihren Traditionen in Übereinstimmung zu bringen. So gibt es zum Beispiel jüdische, muslimische und indianische Waldorfkindergärten.
Hier in unserer Einrichtung feiern wir zu Beginn des Kindergartenjahres mit den Kindern und deren Familien das Dreschfest. Die ganze Gemeinschaft trifft sich dann in unserem Hof zum Erntereigen. Nach dem gemeinsamen Essen und Trinken dürfen die Kinder mit unseren Kinder- Dreschflegel die Ähren dreschen. Danach werden fleißig die Körner eingesammelt, um später daraus das Erntebrot für das Erntedankfest zu backen. Auch das Michaelifest wird mit den Kindern intensiv vorbereitet und gefeiert, so bekommen die Schulanfängerkinder an diesem Fest ihre über Wochen selbstgemachten Ritterschwerter feierlich übergeben. Im November und Dezember folgen dann unser Sankt Martinsfest, das Adventsgärtlein, der Nikolaus kommt zu Besuch und das Jahr wird mit unserem Weihnachtsspiel und Weihnachtsfest abgeschlossen. Im neuen Jahr folgen dann die Dreikönigszeit, Fasching und die Vorosterzeit, in der wir ausgeblasene Eier bemalen und das Ostergras aussäen. In dem Ostergärtchen erhält jedes Kind seine Schale mit dem selbstgesäten Gras und dem Buchskreuz und wird damit in das Osterwochenende geschickt, mit der Hoffnung, dass der Osterhase an Ostern ein Ei ins Nest legt.
Kommen die Kinder aus den Ferien zurück, leben wir schon auf das Pfingstfest zu. Danach feiern wir mit der ganzen Kindergartengemeinschaft unser Johannifest auf dem Feld und zum Abschluss des Kindergartenjahres findet unser Hirtenabschiedsfest statt.
Hinzu kommen noch die vielen Geburtstagsfeste, die intensiv mit besonderem Geburtstagsreigen und individueller Geburtstagsgeschichte gefeiert werden und die zusätzlichen Ausflugstage oder Wanderungen.
So leben wir im Gang durch das Jahr eigentlich von einem Fest zum anderen. Schon Wochen vorher arbeiten wir mit den Kindern auf das Fest hin, stimmen Lieder, Märchen und Geschichten und Bastelarbeiten daraufhin ab. Das eigentliche Fest ist dann immer der krönende Abschluss dieser Festvorbereitungen. Wichtig für das Kind ist dabei auch, dass zuhause mitgefeiert wird. Das Kind will sich in seiner tiefen Freude und kindlichen Religiosität verstanden wissen und erleben, dass auch im Elternhaus diese Höhepunkte gepflegt werden. Die elementare Erfahrung, etwa im Weihnachtsspiel selbst Maria oder Josef gewesen zu sein oder den buntgeschmückten Stab ganz alleine ins Johanni Feuer geworfen zu haben, wird den Kindern zum Seelenschatz, aus dem sie ein Leben lang schöpfen können.
So stellt der Jahreskreislauf mit all seinem Reichtum und den Festen eine unerschöpfliche Kraftquelle für uns dar.
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